„Jede Anstrengung ist wertvoll, weil Menschenleben gerettet werden können.“

Janina Niemietz war für unseren Kooperationspartner Help e. V. vier Wochen als Nothelferin in Haiti im Einsatz.

Was genau haben Sie als Nothelferin für Aufgaben in einem Katastrophengebiet?

Janina Niemietz: Ein Nothelfer muss schnell und effektiv Hilfe leisten. Egal, ob es sich um medizinische Nothilfe, Lebensmittelverteilungen oder um behelfsmäßige Unterkünfte handelt – alles, was das Überleben der Betroffenen sichert, gehört zum Anliegen eines Nothelfers. Dafür gilt es, sich zunächst einmal einen genauen Eindruck über die tatsächliche Bedarfslage der Menschen zu verschaffen. Dies ist – so bürokratisch es sich anhört – essentiell für einen effizienten Einsatz, denn nur so kann man Hilfsmaßnahmen zielgerichtet steuern.

Wie organisieren Sie die Hilfe in dem Chaos, auf das man stößt?

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Niemietz: Hilfsmaßnahmen im Chaos zu organisieren, bedeutet viel Improvisation und Koordination mit anderen Hilfsorganisationen. Eine Hilfsorganisation allein kann die Bedürfnisse der Betroffenen nicht abdecken, deswegen arbeiten viele deutsche Hilfsorganisationen im Verbund, um die Hilfe effizienter zu gestalten.

Welche Eindrücke kamen speziell in Haiti auf Sie zu?

Niemietz: Das Erdbeben in Haiti ist eine der größten humanitären Katastrophen. Es war einfach bedrückend. Massive Bauten wie Bankgebäude und Ministerien sind in sich zusammengefallen wie Kartenhäuser. Tonnenschwere Trümmer haben Autos komplett zusammengepresst. Dazu kam das große Leid der Menschen und die vielen Verletzten und Toten auf den Straßen. Verglichen mit meinen Nothilfe-Einsätzen in Uganda, Kenia oder Bosnien, war die Situation in Haiti das extremste, was ich bisher erlebt habe. Hier fehlte es oft schon an elementaren Dingen wie sauberem Wasser oder Treibstoff für die Fahrzeuge. Auf der Karibikinsel spielen verschiedene Faktoren eine entscheidende Rolle: Haiti zählte schon vor der Katastrophe zu den ärmsten Ländern der Welt. Dadurch bedingt war und ist die Kriminalität ein täglicher Begleiter der Menschen. Zudem fehlte es im gesamten Land an ausgebauter Infrastruktur. Im Gegensatz zur Tsunami-Katastrophe stellt sich die Situation in Haiti völlig anders dar. Beim Tsunami waren ein bis zwei Kilometer der Küstenstreifen völlig zerstört, aber im weiteren Landesinneren waren die Strukturen noch intakt. In Haiti hingegen sind Port-au-Prince und andere betroffene Regionen wie paralysiert.

Gibt es einen Unterschied zwischen der Hilfe in den ersten Tagen und dem, was jetzt nötig ist?

Niemietz: Am Anfang stand die medizinische Nothilfe im Mittelpunkt. Zunächst einmal mussten die Verletzten versorgt werden. Es fehlte einfach an allem: an Verbandsmaterial, Medikamenten, medizinischen Geräten und natürlich an Ärzten. Parallel dazu galt es, in den unterschiedlichen wilden Camps Trinkwasser und Lebensmittel bereitzustellen. Ab jetzt geht es eher darum, die Menschen durch die Regenzeit zu bringen. Das bedeutet, die Unterkünfte regenfest zu machen und genügend sanitäre Einrichtungen zu bauen. Dafür bieten sich auch die drei von Lions betreuten Camps an, wie wir im Gespräch mit lokalen Lions erfuhren.

Sie haben auch den Einsatz des Ärzteteams koordiniert, wie lief die Arbeit im Krankenhaus?

Niemietz: Der Einsatz des Ärzteteams war überaus erfolgreich, da das Team zu einer Zeit angekommen ist, in der noch akuter Fachärztemangel bestand. Schwierig war das Fehlen von Spezialmaterial zum Behandeln von Verletzungen. Dies hat die Arbeit der Ärzte behindert, aber gleichzeitig wurde das Team dadurch zur Improvisation angespornt.

Was konnten Sie in Haiti erreichen?

Niemietz: Angesichts des großen Ausmaßes der Not nach dieser immensen Katastrophe, ist die Hilfe einer einzelnen Organisation verschwindend gering. Trotzdem ist jede Anstrengung wertvoll, weil Menschenleben gerettet werden. Die Hilfsmaßnahmen von Help und Lions haben bis jetzt schon viele Betroffene erreicht – und das ist schließlich die beste Arbeitsbilanz.

Welche positiven Erfahrungen konnten Sie machen?

Niemietz: Das Dankbare an der Arbeit in einem Krisengebiet ist, dass in der Summe immer die positiven Erfahrungen gegenüber den Schwierigkeiten überwiegen. Die Freude, Menschen helfen zu können, ist eine der schönsten Erfahrungen, die man im Leben machen kann.

Was gibt Ihnen Kraft, in solch einer Extremsituation immer weiter zu machen?

Niemietz: Es ist das Lächeln einer Mutter von vier Kindern, die sauberes Trinkwasser und Lebensmittel für eine Woche erhält, das motiviert. Es ist die Dankbarkeit im Gesicht des 83-jährigen Mannes, der nach einer Woche aus zwei Meter hohen Trümmern lebend und nur leicht verletzt geborgen wird oder das leise gehauchte „Merci“ eines 8-jährigen Jungen, dessen offene Fraktur am Fuß nach zwei Wochen des Wartens endlich operiert wird – das sind die vielen kleinen Momente, die jede Anstrengung vergessen lassen. Die Haitianer haben mich auch Demut gelehrt. Demut, meine eigenen Probleme nicht so wichtig zu nehmen und mir die Kraft der Haitianer immer wieder aufs Neue vor Augen zu führen.

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