„Zu wissen, dass wir mit unserer Hilfe wirklich etwas erreichen können, ist die beste Motivation.“

Seit dem Erdbeben in Haiti im Januar 2010 ist Gregor Werth als Projektkoordinator unserer Partnerorganisation Help e.V. aus Bonn im Karibikstaat im Einsatz. Während eines kurzen Aufenthalts in Deutschland berichtete er im September beim HDL-Beauftragtenworkshop in Königswinter über die aktuelle Situation in Haiti sowie die Lions-Hilfe, den Bau von Unterkünften. Anschließend sprachen wir mit dem erfahrenen Projektleiter im Interview. Welche Fähigkeiten muss man für einen Job in einem Katastrophengebiet mitbringen?

Gregor Werth: Man muss ständig den Überblick behalten und Ruhe bewahren können. Daneben kommt es auf ein gutes Organisationstalent an. Wichtig ist, sich dabei auf die jeweilige, oftmals chaotische Situation im Land einzulassen. Außerdem darf man keine Scheu haben, auf Menschen zuzugehen. Als Verantwortlicher muss ich das gesamte Projekt in geordnete Bahnen lenken und immer wieder spontan auf die sich ständig ändernden Umstände vor Ort reagieren.

Wie können wir uns die Situation in Haiti zurzeit vorstellen?Werth: Erschreckender Weise hat sich bisher noch nicht allzu viel getan. Auch acht Monate nach dem Beben sind keine großen Fortschritte zu sehen. Natürlich werden Trümmer weggeräumt – das geschieht größtenteils in Handarbeit, da es kostengünstiger ist. Dies nimmt viel Zeit in Anspruch. Gleichzeitig schafft das Räumen der Trümmer Arbeit und Lohn für die Haitianer. Es fördert auch das soziale Miteinander und hilft Traumata zu überwinden. Parallel dazu werden leider noch immer Millionen ausgegeben, um neue Zelte zu bauen, statt in Baumaterialien zu investieren. Insgesamt werden laut UN mindestens 220.000 einfache Häuser, sogenannte Shelter, als feste Unterkünfte benötigt. Bisher sind davon erst 4.000 gebaut worden. Die Haitianer sind mit der Situation in ihrem Land sehr unzufrieden. Mehr als eine Million Menschen leben nach wie vor in provisorischen Zelten.

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Ein Fortschritt ist für sie nicht erkennbar. Sie diskutieren auf den Straßen und fragen sich, wo all die Gelder geblieben sind, die nach dem Beben versprochen wurden. Teilweise kommt es bei Demonstrationen auch zu Unruhen. Um den Haitianern zu beweisen, dass es doch Fortschritte gibt, suche ich immer wieder das Gespräch mit ihnen und lade sie ein, unser Bauprojekt zu besuchen. Wenn sie dann die Bauarbeiten und die fertigen Shelter sehen, sind sie überzeugt und froh darüber, dass sich etwas tut.

Inwiefern unterscheidet sich die Situation in Haiti von anderen Katastrophengebieten?

Werth: Das immense Ausmaß der Katastrophe ist unvorstellbar. Ich habe schon viel Elend erlebt, aber Haiti übertrifft alles. Die Bilder und Szenen, die ich gesehen habe, als ich wenige Tage nach dem Beben durch die Hauptstadt Port-au-Prince gefahren bin, werde ich nie mehr vergessen. Haiti berührt mich sehr. Bei den vielen Betroffenen wird das Überwinden der Trauer und Traumata eine lange Zeit in Anspruch nehmen. Hinzu kommt die prekäre Sicherheitslage im Land. Schon vor dem Beben war die Lage sehr unsicher. Das Elendsviertel Cité Soleil in Port-au-Prince zum Beispiel galt und gilt als einer der gefährlichsten Orte der Welt.

Welche Schwierigkeiten gibt es beim Umsetzen der Hilfsmaßnahmen?

Werth: Neben der unsicheren Lage gibt es zwei Faktoren, die speziell auch den Wiederaufbau betreffen. Zum einen ist da die Landrechtfrage. Unterlagen, die die Besitzverhältnisse angeben, gibt es oftmals nicht oder nicht mehr. Zudem wurde in Haiti vor dem Beben viel illegal gebaut. In diesen Fällen bestehen sowieso keine Ansprüche. Inzwischen braucht jeder drei Zeugen, um zu beweisen, dass es sich um das eigene Land handelt. Zum anderen werden die Hilfsorganisationen durch die Regierung und die zähe haitianische Verwaltung in ihrer Arbeit behindert. So werden Baumaterialien und andere Waren vom Zoll beschlagnahmt und wochenlang nicht freigegeben. Teilweise werden sie dann irgendwann zu höheren Preisen auf dem Schwarzmarkt verkauft. Deshalb bauen wir unsere Shelter größtenteils mit lokalen Baumaterialien.

Welche Fortschritte gibt es bei den Lions-Bauprojekten?

Werth: In Canapé Vert, einem stark zerstörten Stadtteil in Port-au-Prince, sind die ersten Unterkünfte entstanden. Jetzt liegt der Fokus auf dem Projektgebiet in Darbonne, westlich der Hauptstadt. Seit Ende September läuft auch dort der Hausbau für insgesamt 500 Shelter. Die Haitianer sind in das Projekt eingebunden und in einkommensschaffenden Maßnahmen am Bau beteiligt. Außerdem wurde an zentraler Stelle eine Produktionsstraße errichtet, an der verschiedene Bauelemente vorgefertigt werden. Mit diesen fertigen Elementen kann ein Shelter dann innerhalb eines Tages aufgestellt werden. In Kooperation mit der internationalen Lions-Stiftung LCIF und den lokalen Lions gibt es zudem einen eigenen Projektvertrag für ein weiteres Bauprojekt, bei dem in Barbancourt 600 Shelter geplant sind. Ich freue mich, dass durch die intensive finanzielle Beteiligung von LCIF, den deutschen Lions über das HDL und Help in dieser tollen Kooperation der Bau von so vielen Unterkünften in Haiti möglich wird.

Wie reagieren die Haitianer auf die Lions-Hilfe?

Werth: Die Menschen sind sehr froh, dass die Lions den Shelterbau unterstützen. Endlich eine feste, sichere Unterkunft zu bekommen, ist für sie sehr wichtig und nimmt ihnen einige ihrer Ängste. Den Lions sind die Haitianer deshalb sehr dankbar für die Hilfe. Wir haben die Häuser sehr sorgfältig entsprechend der UN-Vorgaben geplant. Genauso wichtig ist es jedoch, die Unterkünfte den Bedürfnissen der Menschen anzupassen, damit sie die Shelter auch annehmen. Wir haben deshalb genau geschaut, wo und wie die Familie vorher gewohnt hat. Die Häuser sind aus Holz, circa 18 Quadratmeter groß und verfügen über eine Veranda, wie es in Haiti üblich ist. Die flexiblen, hurrikan- und erdbebensicheren Shelter sind individuell anpassbar und für größere Familien ausbaubar. Wenn man vergleicht, was die Menschen vor dem Beben hatten, ist dies eine erhebliche Verbesserung, mit der die Haitianer sehr zufrieden sind. Wir geben den Menschen ein Stück Lebensqualität in dieser unsicheren Zeit. Zu wissen, dass wir mit unserer Hilfe wirklich etwas erreichen können, ist die beste Motivation für meine Arbeit.

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